Presse

Unterstützte Beschäftigung als Ausdruck inklusiven Arbeitens

Individuelle Orientierung und Qualifizierung über Campus von Kompass Leben e.V.

Erwerbstätigkeit ist mehr als nur Broterwerb und Beschäftigtsein: Sie ist ein Wert an sich, da sie es den Menschen ermöglicht, eine als sinnvoll und interessant empfundene Arbeit zu verrichten, Kontakte mit anderen Menschen herzustellen und zu pflegen oder auch einfach den Tag sinnvoll zu strukturieren. Darüber hinaus ist auch das individuelle Selbstwertgefühl mit dem ausgeübten Beruf verbunden, hinzu kommt neben der sozialen Komponente das gesellschaftliche Ansehen des Einzelnen. All diese Dinge gelten auch für Menschen, die aufgrund kognitiver, physischer oder psychischer Probleme für den so genannten ersten Arbeitsmarkt ungeeignet scheinen. Genau sie dort zu integrieren, diesen Arbeitsmarkt also inklusiver zu machen, ist eine Aufgabe des Bereichs „Unterstützte Beschäftigung“ des sozialen Dienstleisters Kompass Leben e.V.

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Wie Einrichtungen für Menschen mit Behinderung mit Corona umgehen – Vorstandsvorsitzende Katja Diehl im Gespräch mit Oberhessen-live.de

„Wir werden auch noch ein Stückchen länger durchhalten“

VOGELSBERG (ls). Es sind die Kitas, Schulen und der Einzelhandel, die meist im Fokus stehen, wenn über die Corona-Regeln gesprochen wird – und natürlich die Altenheime. Wohneinrichtungen oder aber Werkstätten für behinderte Menschen fallen in der Diskussion oft hinten runter. Wie wird dort mit der Pandemie umgegangen? Ein Gespräch mit Katja Diehl von Kompass Leben e.V..

„Herausforderung“, das ist das Wort, was für Katja Diehl, die letzten Monate – oder besser gesagt das ganze letzte Jahr – am besten beschreibt. Die Vorstandsvorsitzende des sozialen Dienstleisters Kompass Leben atmet am Telefon tief ein und schweigt für einen kurzen Moment, als würde sie ihre Gedanken sammeln wollen. „Ja, es war eine besondere Herausforderung, gerade am Anfang“, fasst sie ihren ersten Gedanken nochmal nach. Eine Herausforderung, die sowohl emotional, psychisch wie auch organisatorisch belastend war, besonders in der Anfangszeit der Pandemie.

In der zweiten Märzhälfte wurde nämlich auch ein Betretungsverbot für Werkstätten für Menschen mit Behinderung ausgesprochen, das Anfang Juli wieder aufgehoben wurde. Über drei Monate lang waren die Werkstätten geschlossen. „Da gab es sehr viel, was wir organisatorisch zu erledigen hatten. Die Menschen mussten informiert und aufgeklärt werden. Die Bewohner in unseren Wohneinrichtungen wurden dort auch tagsüber betreut und die Klienten die zu Hause bleiben mussten, erhielten von uns alternative Betreuungsangebote. Auch eine Notfallbetreuung vor Ort wurde etabliert.“, sagt Diehl. Rückblickend habe das alles sehr gut geklappt. Als dann wieder geöffnet werden durfte, musste zunächst ein Hygiene- und Schutzkonzept aufgestellt und immer wieder den neu aufgestellten Bestimmungen des Landes angepasst werden – in den Werkstätten, aber auch in den Tagesbetreuungen und Wohneinrichtungen.

Zahlreiche Maßnahmen wurden vorzeitig getroffen

Seither werden in den Werkstätten Masken getragen, Abstände müssen eingehalten werden, Trennwände wurden aufgebaut, Lüftungsgeräte angeschafft, regelmäßig wird in den einzelnen Räumen zusätzlich gelüftet und Räumlichkeiten wurden erweitert. Seit Mitte Dezember werden auch regelmäßige Schnelltests bei den Bewohnern, Werkstattmitarbeitern und Beschäftigten durchgeführt.

„Wir haben früh angefangen, hier die Abläufe zu optimieren bis dahingehend, dass das komplette Betreuungspersonal FFP2-Masken trägt. Alles, was wir tun können, um Kontakt zu reduzieren und Abstände einzuhalten, haben wir versucht, so früh wie möglich umzusetzen“, erklärt Diehl. Wie schwer ist es, all diese Regeln Menschen mit einer geistigen Behinderung zu erklären? „Tatsächlich ist es, nach eine gewissen Anleitungs- und Übungsphase, ganz einfach und viele unserer Klienten verstehen sehr gut, an welche Regeln sie sich halten müssen und warum das so ist. Sie sind da alle sehr rücksichtsvoll und sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. Auch mit Besuchern beispielsweise haben wir keine negativen Erfahrungen gemacht“, sagt Diehl.

Ganz verschont von dem Virus ist man aber auch bei Kompass Leben nicht geblieben, vereinzelt sei es zu Infektionen gekommen. „Das sind glücklicherweise regionale Ausbrüche mit einzelnen Ansteckungen“, berichtet sie. In den Wohneinrichtungen habe man schon frühzeitig damit begonnen, Quarantänestationen in Absprache mit dem Vogelsberger Gesundheitsamt einzurichten, sollte es zu Ausbrüchen kommen. „Ich bin da sehr dankbar, dass wir hier im Kreis in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt so viel Unterstützung erhalten haben und nicht alleine kämpfen mussten“, blickt Diehl zurück. Regional sei man in dieser Situation nicht vergessen worden, das sei ein schönes und wichtiges Signal.

Katja Diehl: „Hier mit einem Fairness-Gedanken ranzugehen ist schwierig“

In der Impfstrategie des Landes hingegen sind weder Betreuungs- und Pflegekräfte der Wohneinrichtungen und Menschen mit Behinderung in der ersten Stufe mit der höchsten Priorität bedacht worden. Sie finden sich in Stufe zwei wieder. In der ersten Stufe sind Mitarbeiter aus Kliniken, Altenpflegeheimen und Menschen über 80 Jahre. Katja Diehl hat dafür Verständnis. „Hier mit einem Fairness-Gedanken ranzugehen ist schwierig. Ich denke, man hat versucht genau abzuwägen und überhaupt eine Priorisierung zu schaffen war sicherlich eine Mammutaufgabe, die meiner Meinung nach gut gelungen ist“, sagt sie.

Ende Dezember sind in Deutschland die Corona-Impfungen gestartet. 97.061 Menschen wurden – so der aktuelle Stand laut Robert-Koch-Institut – seither in Hessen geimpft, 26.445 Menschen haben sogar schon die zweite Impfung bekommen, haben dementsprechend den vollen Impfschutz.

In der Situation, in der Deutschland zu diesem Zeitpunkt gesteckt habe, sei es wichtig gewesen zu schauen, wo die meisten Ansteckungen stattfinden würden – und wo die Auswirkungen des Virus für schwere Krankheitsverläufe sorgen. Natürlich gebe es auch bei Kompass Leben viel kontaktintensive Pflegearbeit in den Einrichtungen – doch liege der Hauptfokus darauf, die Fähigkeiten der betreuten Menschen zu stärken, damit sie ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Impfstart bringt gewohnten Alltag näher

Auch wenn die Menschen bei Kompass Leben e.V. noch nicht mit der Impfung selbst an der Reihe sind, möchte Kompass Leben vorbereitet sein. „Um bei einer möglichen Impfung vor Ort in den Einrichtungen schnell und flexibel handeln zu können, ist es wichtig, dass alle Klienten sowie ggf. deren gesetzliche Betreuer aber auch das Betreuungspersonal über die Impfung schriftlich informiert und aufgeklärt wurden, ihren Willen für oder gegen eine Impfung erklären sowie  die Meldungen dann entsprechend an das mobile Impfteam weitergeben werden, u.v.m. “, sagt die Vorstandsvorsitzende.

Schön wäre es zwar gewesen, schon in der ersten Prioritätsstufe berücksichtigt zu werden, das hätte zur Entlastung der Situation beigetragen, es falle krankheitsbedingt immer wieder Personal aus. „Durch die unermüdliche Einsatzbereitschaft unseres Betreuungspersonals und den sehr guten Zusammenhalt bin ich jedoch sehr zuversichtlich, dass wir auch noch ein Stückchen länger durchhalten.“, erklärt Diehl zuversichtlich. Der Impfstoff, da ist sich Diehl sicher, sei neben den verschärften Corona-Maßnahmen ein guter Schritt, der den gewohnten Alltag ein bisschen näherbringt.

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